Wir sind dann mal weg ...

Nach der Schule wollte ich raus. Raus aus dem Dorf. Rein in eine Großstadt. Rein ins Leben. In ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Ich habe mich für eine Stadt entschieden, die mein Herz im Sturmflug eroberte. Hier habe ich mein erstes Studium begonnen. Hier habe ich Freundschaften fürs Leben geschlossen. Hier habe ich meine erste eigene Wohnung bezogen. Hier saß ich unglücklich in trockenen BWL Vorlesungen, während ich insgeheim von einem Designstudium träumte. Hier habe ich allen Mut zusammengenommen, mein Studium geschmissen und mich an einer Kunstuni eingeschrieben. Hier hatte ich Dates, Jobs und Träume. Hier feierte ich. Hier trauerte ich. Hier fand ich zu mir selbst. Hier lernte ich eines Abends in einer S-Bahn der Linie S21 die Liebe meines Lebens kennen. Hier verliebten wir uns im Sturm. Hier zogen wir zusammen. Hier stritten wir. Hier liebten wir. Hier wurden wir Eltern des wundervollsten Mädchens, das ich jemals kennengelernt habe. Hier wurden wir eine Familie. Hier heirateten wir. Hier gründeten wir eine gemeinsame Firma. Hier wuchsen wir zusammen.

Hier begann alles. Hier beginnt alles.

 

Es verbindet mich so unendlich viel mit diesem Ort. Hamburg ist mehr als nur ein Wohnort auf meinem Ausweis geworden. Diese Stadt hat uns ein Zuhause geschenkt und wird immer eine Heimat für uns sein. Ich sage bewusst ‚wird‘, denn schon ganz bald werden wir unsere Koffer und Kisten packen, um auf eine Reise zu gehen ...

 

Aber von vorne. Es ist Herbst und wir haben unsere Tochter wie jeden Morgen in die Kita gebracht. Bereit in den Arbeitsalltag zu starten, sitzen Tim und ich an unserem Esstisch. Der Briefschlitz in unserem Flur knarrt auf die gewohnte Art und Weise. Wenige Augenblicke später halten wir ein Schreiben in den Händen, das wir zwei mal lesen müssen, um zu begreifen, was wir da gerade mitgeteilt bekommen. Wir halten die Kündigung unserer so sehr geliebten Wohnung in den Händen. So viele von euch haben letztes Jahr mitgefiebert, als wir endlich die Zusage erhielten.

Über zwei Jahre haben wir auf 2,5 Zimmern als Familie gelebt und gleichzeitig jedes einzelne SOLT UN PEPER Paket eigenhändig verpackt und versendet. Wir haben euch mitgenommen und unsere Freude, aber vor allem unsere Erleichterung über den neugewonnen Platz geteilt. Hier haben wir uns ein Zuhause geschaffen. Wir haben jeden Raum mit so viel Liebe eingerichtet und uns endlich eine räumliche Trennung zwischen unserem Privatleben und unserer Arbeit geschaffen. Hier haben wir Yunas 3. Geburtstag gefeiert, hier haben wir ein so unglaublich schönes Weihnachten im Kreise unserer Liebsten erlebt, wir haben hier von Herzen gerne gelebt, geliebt und Erinnerungen gesammelt. 

 

All das habe ich im Kopf während ich dieses Schreiben in meinen Händen halte, das uns auffordert, bis Mitte Dezember unsere Wohnung zu räumen. Ein paar Telefonate später ist klar, mein Gefühl hat mich nicht getäuscht - es gibt keine Rechtsgrundlage für diese Kündigung. Wir zahlen unsere Miete, verstehen uns mit den Nachbarn und Eigenbedarf kann ebenfalls nicht angemeldet werden, da unsere Vermieter eine eigene Wohnung im Haus besitzen. 

Was der wirkliche Grund ist, wissen wir nicht. Auch jetzt nicht. Vielleicht will man die Wohnung noch teurer vermieten. Am Ende ist es aber auch egal. Mehr als über die Tatsache an sich, bin ich menschlich zutiefst enttäuscht. 

 

Es ziehen ein paar Wochen, Gespräche und Telefonate ins Land. Unsere Vermietung lässt nicht mit sich reden und offenbart uns, dass sie alles versuchen wird, uns aus dieser Wohnung zu kriegen. Es wird uns mit einem Gerichtsverfahren gedroht und so langsam realisieren wir, was hier eigentlich gerade passiert.

 

Vielleicht denkst du, während du das hier liest, dass man dagegen vorgehen muss. Dass es ungerecht ist und man sich wehren muss. Das war auch unser erster Impuls. Und ja, mit Fairness hat das alles nichts mehr zu tun. Aber weißt du was? Wir haben es in der Hand. Wir können uns auf einen Gerichtsstreit einlassen, für den wir weder Kraft noch Nerven haben. Wir können um eine Wohnung kämpfen, in der wir nicht mehr erwünscht sind, und in der wir ohnehin nicht alt werden wollen. Wir können all das tun. Oder aber wir sehen es als Chance.

 

Nicht erst seit gestern reift ein Gedanke in uns heran. Seit Tim und ich uns kennen, träumen wir vom Reisen. Immer wieder sprachen wir davon, wie gerne wir eine Zeit lang im Ausland leben möchten. Aber dieser Wunsch blieb bis jetzt immer ein wein entfernter Traum. Unrealistisch, nicht erreichbar. Zunächst waren da mein Studium, Tims Vollzeitbeschäftigung. Dann kam Yuna und unser Shop. Ein Jahr lang war ich tagsüber Mama und Tim bis abends bei der Arbeit. Zwischendurch holte einer von uns die Poster aus der Druckerei und abends und nachts verpackten wir die Bestellungen. Nach dem ersten Jahr stieg Tim voll mit ein. Jede Bestellung ging weiterhin durch unsere Hände und auch die Nachtschichten wurden nicht weniger. Wir haben so hart gekämpft und uns an den Rand unserer Kräfte gearbeitet. Erst im letzten Jahr konnten wir uns soweit vergrößern, dass wir nun innerhalb eines tollen Teams arbeiten können. Wir konnten unsere Produktion auslagern und endlich nicht mehr jede Bestellung um Mitternacht selbst an unserem Esstisch verpacken. Ich möchte diese Zeit nicht missen, sie macht mich demütig und dankbar. Wir wären ohne diese Erfahrung heute nicht da, wo wir sind, und nicht die, die wir sind. Aber diese Zeit hat uns extrem viel abverlangt.

 

Ich schweife ab … Eigentlich wollte ich nur sagen, dass es immer etwas gab, was uns daran hinderte, diesen Traum zu verwirklichen. Aber das erste Mal scheint er nicht mehr unerreichbar. Vielleicht liegt es nun wirklich an uns, nach dieser Möglichkeit zu greifen, die sich gerade auf tut.

 

Wir haben noch zwei Jahre bis Yuna in die Schule geht. Wir schauen uns an. Jetzt oder nie. Was hindert euch noch, werden wir gefragt. 

 

So sehr wir uns freuen, natürlich schwingt auch Angst mit. Angst vor der völlig neuen Situation. Wir fahren nicht in den Urlaub. Wir müssen uns in unserem Alltag neu sortieren. Unsere Arbeit auch weiterhin gut machen, unsere Existenz hängt daran. In den Nächten liege ich schlaflos da und zerbreche mir den Kopf. Wir lassen hier eine Wohnung zurück, in der wir uns bis dato sehr wohl gefühlt haben. Yunas geliebten Kindergarten. Ihre Erzieher. Ihre Freunde. Unseren einzigartigen Freundeskreis. Unsere bekannten Ecken. Unsere Familien. Ein festes Zuhause.

 

Aber das, was auf uns wartet, ist groß. Das spüren wir. 

 Ob wir verrückt sind? Vielleicht. Aber hey! Woher soll man wissen, ob etwas gut ist, wenn man es nicht einfach probiert?

 

Ein Tag nach unserem Entschluss laufe ich zerstreut an einem Laden vorbei, in dessen Schaufenster eine Leuchtbox steht : ‚Die einzige Reise, die du je bereuen wirst ist die, die du nie gemacht hast.‘

Ich muss schmunzeln und schlendere weiter die Straße entlang.

 

6 comments

  • ❤️❤️💙

    Chrisi

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